Parkinsongruppe
Potsdam
Telefon Tel.: 033200/5 52 34
e-Mail kirsten.vesper-dpv@gmx.de

Täglicher Kampf gegen die Krankheit

Bärbel Scholz (62) aus Ludwigsfelde leidet an Parkinson und kämpft täglich tapfer gegen die Krankheit an. Sie ist eine von mindestens 300.000 Parkinson-Patienten in Deutschland. In der neuen Serie bleuchtet die MAZ die Krankheit von allen Seiten, etwa aus Sicht von Forschern, Ärzten und Prominenten . Diesmal aber geht es um den Alltag der Patienten.

Wasser tut gut: Bärbel Scholz im Schwimmbecken.

  

  

 Q uelle: Julian Stähle

Siethen. Ein Schraubverschluss, damit fängt es schon an. Bärbel Scholz nestelt daran herum, aber der Verschluss will sich nicht drehen, oder nein, ihre Finger wollen nicht so, wie sie will. „Es ist alles schwer geworden“, sagt sie, wenn sie ihre Krankheit und deren Folgen beschreibt. Der Verschluss einer Wasserflasche, das Gehen, ihre Gliedmaßen, das Leben. Die Schwere hat einen Namen: Morbus Parkinson.

Bärbel Scholz sitzt in ihrem Garten im Ludwigsfelder Ortsteil Siethen (Teltow-Fläming). Es ist ein kühler Sommermorgen, so ist es ihr lieber, bei Hitze setzt sie kaum einen Fuß vor die Tür. Wir wollen über ihre Krankheit reden, sie hatte kurz gezögert – und dann doch zugesagt. Vielleicht aus Trotz, wie um zu sagen: Der Parkinson kriegt mich nicht klein.

Die 62-Jährige ist eine von geschätzt 300.000 bis 400.000 Parkinsonkranken in Deutschland, jedes Jahr werden es mehr, weil die Bevölkerung immer älter wird. Das bekannteste Symptom: ein Zittern der Hände, das es den Betroffenen zum Beispiel schwer macht, an der Supermarktkasse zu zahlen. Aber auch ein schlurfender Gang, steife Bewegungen oder plötzliches Erstarren sind Anzeichen der Krankheit.

Bärbel Scholz wollte es erst nicht wahrhaben, dass etwas mit ihrem Körper geschah, erzählt sie. Dass ihre Arme beim orientalischen Tanz nicht mehr die fließenden Wellen in die Luft zeichneten wie einst, dass ihr Gang steifer wurde. Aber ihre Arbeitskollegen in der Klinik, in der sie 30 Jahre lang in der Verwaltung arbeitete, bemerkten die Veränderung.

Die unheilbare Schüttellähmung

· Morbus Parkinson – benannt nach dem englischen Arzt James Parkinson, der die

„Schüttellähmung“ 1817 erstmals beschrieb – ist eine Erkrankung des Gehirns. Nervenzellen in

einer bestimmten Hirnregion sterben dabei ab, erklärt Lars Wiese, Facharzt für Neurologie am

Klinikum „Ernst von Bergmann“ in Potsdam.

· Diese Nervenzellen produzieren den Botenstoff Dopamin, der für die Informationsübertragung

zwischen den Zellen mitverantwortlich ist. Durch den Dopaminmangel ist die Übertragung gestört

– und es kommt „zu einem Strauß von Symptomen“, so Wiese: zitternde Hände, schlurfender

Gang, plötzliches scheinbares „Festfrieren“ der Betroffenen an einer Stelle.

· Über die Ursachen herrscht bis heute Rätselraten. Meist tritt die Krankheit zwischen dem 50. und

60. Lebensjahr auf, aber es gibt auch viele jüngere Patienten. Parkinson gilt als unheilbar, kann

aber mit Medikamenten, Bewegungstherapien und chirurgischen Verfahren behandelt werden.

 

Ohne ihr Wissen machten sie einen Termin für sie beim Chefarzt. Eines Tages rief er sie zur Untersuchung. Das war kurz vor ihrem Jahresurlaub, Baden in der Türkei mit ihrem Mann Paul, im gleichen Hotel wie immer, da gibt's keine bösen Überraschungen. Der Chefarzt durchleuchtete sie von Kopf bis Fuß. Dann rief er einen Spezialisten. „Der hat’s mir auf den Kopf zugesagt“, erinnert sich Scholz.

Drei Jahre ist die Diagnose jetzt her. „Früher hab’ ich rund um die Uhr alles gemacht“, sagt Bärbel Scholz. Gebügelt, genäht, gekocht.“ Jetzt bestimmt der Parkinson ihren Tagesablauf. „Morgens wache ich auf, wie ich mich ins Bett gelegt habe“, sagt sie. Manchmal braucht sie Stunden, um ihre Gliedmaßen etwas zu lockern. Arztbesuche oder Einkäufe, für alles ist sie jetzt auf ihren Mann Paul (72) angewiesen, denn das Autofahren hat sie als Erstes aufgegeben. Sie hatte Angst, dass ihr Bein im falschen Moment nicht mehr auf die Befehle ihres Gehirns hört, dass es auf dem Gaspedal stehen bleibt. Ihre schöne Handschrift von einst ist zu einem Gekrakel geworden, für das sie sich schämt. Tomaten schneiden, eine Dose öffnen – alles ist ein Kraftakt. Es ist, als trage sie rund um die Uhr einen eisernen Anzug.

Ihre Stimme stockt, wenn sie davon erzählt. Sie weint, aber ihrem Gesicht sieht man kaum eine Gefühlsregung an – auch eine Folge der Krankheit. Gestern, erzählt sie, habe sie eine Karre Unkraut gezupft, heute Morgen Staub gesaugt. Es geht, es geht nur langsamer und es erfordert eiserne Willenskraft. Schlimmer als die alltäglichen Einschränkungen sind für sie die psychischen: „Die Krankheit hat meine Persönlichkeit verändert.“ Früher, da sei sie lustig gewesen, konnte ihren Mann mitreißen. Sie hatte gern Gäste, jetzt vermeidet sie gesellige Runden. Auch aus Angst davor, was die anderen denken, wenn sie sie anschauen, beim Essen, beim Trinken. „Ich fühle mich stets beobachtet“, sagt sie. „Das macht mich unsicher.“ Manchmal hat sie das Gefühl, die alten Freunde haben sich zurückgezogen. Um sie zu schonen oder sich selbst? Wer weiß das schon?

Das beste Mittel gegen ihre Krankheit ist Bewegung, weiß Scholz. Das sagen ihr die Ärzte immer wieder. „Ich muss, ich muss“, das ist ein bisschen zu ihrem Lebensmotto geworden. Sie macht Yoga, Physio- und Ergotherapie, Walken, Tanzen mit der Selbsthilfegruppe. Heute will sie schwimmen gehen. Das tut ihr gut.

Wenn sie sich im Wasser auf den Rücken legt, den Blick an die Hallendecke gerichtet, Arme und Beine von sich gestreckt, fühlt sie sich ein bisschen wie früher. Als würde das Wasser die Schwere von ihrem Körper waschen.

Ihre wichtigste Stütze ist ihr Mann Paul (72). „Brauchst du was?“, fragt er, wenn er am Gartentisch vorbeigeht. Seit 42 Jahren sind sie verheiratet. Aber auch für ihn, der schon einen Herzinfarkt hatte und an Diabetes leidet, ist es nicht einfach. Klar, seinen Lebensabend habe er sich anders vorgestellt, mit Urlauben in Antalya. „Aber was soll’s?“, sagt er. „Das Leben ist kein Wunschkonzert. Sie hat mich gepflegt und jetzt pflege ich sie.“ Auf Bärbel Scholz’ Gesicht zeichnet sich jetzt doch ein zartes Lächeln ab. Sie werden sich beide nicht kleinkriegen lassen.

Von Angelika Pentsi