Parkinsongruppe
Potsdam
Telefon Tel.: 033200/5 52 34
e-Mail kirsten.vesper-dpv@gmx.de

Schmuckmacher trotz Parkinson-Krankheit
 

Den Krankenpfleger Bernd Bartsch erwischt die Krankheit voller Wucht. Der Putlitzer ist 55 Jahre alt, als
er seine Parkinson-Erkrankung zum ersten Mal bewusst spürte. Mittlerweile ist jeder Schritt eine Tortur für ihn. Aber es gibt auch Lichtblicke. Selbstbewusstsein tankt er beim Herstellen von kunstvollen Ketten.

 

Putlitz. Es war ein Tag im Jahr 2003, als Bernd Bartschs Leben aus dem Tritt geriet, buchstäblich. Der
damals 55-jährige Krankenpfleger hatte gerade sein Auto geparkt und war auf dem Weg ins Büro. Es war ein normaler, ebenmäßiger Bürgersteig. Trotzdem stolperte Bartsch. Er ging noch mal ein Stück zurück, suchte nach einem Steinchen, einem Stock, nach dem Hindernis. Aber da war keins, jedenfalls kein sichtbares. Das Hindernis versteckte sich in seinem Körper, es hieß Parkinson.
Zehn Jahre später steht Bernd Bartsch am Haus seiner Schwester in Putlitz (Prignitz). Ein schmaler,
kahlköpfiger Mann mit gebeugtem Rücken, die Krankheit hat ihn gezeichnet. Jeder Schritt ist eine Tortur,
erfordert einen Befehl. Hoch, Fuß, hoch! „Das Wort ,schnell' habe ich gestrichen aus meinem Wortschatz“, sagt er.
Es dauerte eine Weile, bis die Ärzte feststellten, was ihm fehlte. Erst dachten sie, die Gangschwierigkeiten rührten von seinen Bandscheibenproblemen her. Doch die Stolperer hörten auch nach Operation und Reha nicht auf. Ein einseitiges, starkes Zittern kam hinzu. Eine Ärztin tippte auf Alkoholabhängigkeit – ein Vorurteil, mit dem Parkinson-Patienten häufig zu kämpfen haben. Als dann endlich raus war, an was er wirklich litt, sagte der Arzt ihm, er könne seinen Beruf an den Nagel hängen. Damals brach für Bartsch eine Welt zusammen. „Ich war mit Leib und Seele Krankenpfleger“, sagt der heute 65-Jährige. Anderen zu helfen, das war sein Leben.
Die ersten vier Monate nach der Diagnose saß Bartsch auf seinem Zimmer und weinte. Alle paar Wochen bekam er jetzt Schübe: Zittern, Stolpern, neurologische Ausfälle. Hinzu kamen psychische Probleme. Die Psychopharmaka, die er verschrieben bekam, bescherten ihm Halluzinationen. „Überall stand jemand und rief meinen Namen“, erzählt er.
Inzwischen hat Bartsch gelernt, mit der Krankheit zu leben – indem er sie akzeptiert hat, aber gleichzeitig dagegen ankämpft. Die Teppiche zu Hause bleiben liegen, obwohl er über die Kanten stolpern könnte. So zwingt er sich, aufmerksam zu sein. Hoch, Fuß, hoch. Die Halluzinationen versucht er gelassen zu sehen.
„Wenn da wirklich einer steht und etwas will, wird er schon kommen“, sagt Bartsch.
Seit Kurzem kreiert er sogar Schmuck. Stolz präsentiert er seine Lieblingsstücke, die er an eine Filzwand gepinnt hat: Ketten mit runden, ovalen und spitzen Steinen, mit großen und kleinen. Stein für Stein hat er aufgefädelt, eine Arbeit für ruhige Hände. Jeder Stein ein Erfolg, wie ein Schritt ohne Stolperer. Das gebe ihm Selbstbewusstsein, sagt Bartsch.
Ohne Hilfe geht es natürlich nicht. Die bekommt er von seiner Schwester, die selbst zwei Herzinfarkte und einen Gehirntumor hinter sich hat, und von einer jungen Bekannten, die alle paar Wochen aus Berlin nach Putlitz kommt, um nach dem Rechten zu sehen. Wenn Bartsch von ihr erzählt, kommen ihm die Tränen. So viel Hilfsbereitschaft scheint ihm, obwohl er selber von Berufs wegen geholfen hat, unbegreiflich. Doch auch er hat einen Weg gefunden, wieder anderen zu helfen, trotz seiner Krankheit. 2007 übernahm er zeitweise die Leitung einer neuen Parkinson-Selbsthilfegruppe. Wenn eines der Mitglieder seine Medikamente nicht regelmäßig nahm, redete Bartsch so lange auf ihn ein, bis er ihn überzeugt hatte. „Das ist meine Gabe, und dafür bin ich dem da oben echt dankbar.“

 

Von Angelika Pentsi