Parkinsongruppe
Potsdam
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Diagnose stellt Leben eines Ehepaares auf den Kopf –
"In guten wie in schlechten Zeiten"


Lothar Weyrauch (74) und seine Frau Christine (77) aus Borkheide (Potsdam-Mittelmark) teilten früher
den Beruf – sie waren beide Tierärzte. Jetzt teilen sie ein Schicksal – Christines Parkinson-Erkrankung. Die MAZ hat mit Lothar Weyrauch über die Krankheit und den Alltag gesprochen.

 

Lothar Weyrauch (74) und seine Frau Christine (77)
 

Borkheide. Wann fiel Ihnen auf, dass mit Ihrer Frau etwas nicht stimmte?
Lothar Weyrauch: Das ging ganz eigenartig los – vor ungefähr 15 Jahren. Wir gehen oft walken. Eines
Tages bemerkte ich, dass die Arme meiner Frau fast bewegungslos herunterhingen und nicht wie sonst in leichter Pendelbewegung mitschwangen. Außerdem ging sie leicht gebeugt. Geruchsdefizite hatte sie auch, die wir aber auf die Belastung bei der Geflügelschlachtung zurückführten. Das schlechte Riechen kündigte sich also schon Jahre vor der Diagnose an. In den Schlachthöfen wurde zu DDR-Zeiten Formalin verwendet und wir nahmen an, dass es das Riechvermögen geschädigt hatte. Heute weiß man, dass das ein Frühsymptom war.


Wann wurde die Krankheit richtig diagnostiziert?
Weyrauch: Innerhalb eines Dreivierteljahres. Bei manchen Patienten kann die richtige Diagnose aber auch viel länger dauern. Insofern hatten wir Glück mit dem Orthopäden, der angesichts der Symptome bei meiner Frau sofort den Verdacht auf Parkinson hatte. Bei Parkinson fallen jene Zellen aus, die für die Dopaminproduktion verantwortlich sind. Dopamin ist unter anderem für die Muskelbewegung zuständig.

 

Was hat die endgültige Diagnose bei Ihnen ausgelöst?
Weyrauch: Es war niederschmetternd, weil man erfuhr, dass diese Krankheit unheilbar ist.

 

Wie ist der aktuelle Zustand ihrer Frau?
Weyrauch: Das Schlimmste ist die Ängstlichkeit und die Verlangsamung. Die Reaktionslage ist völlig
verändert. Autofahren ist schon lange nicht mehr möglich. Beim Radfahren steigt meine Frau in Kurven ab, mit dem Gleichgewicht hat sie manchmal Probleme.

 

Wird man als Angehöriger trotz allen Mitgefühls manchmal ungeduldig, wenn der Alltag nur noch
im Zeitlupentempo vorangeht?
Weyrauch: Das kann schon passieren. Wenn man zum Beispiel eine Verabredung hat und trotz langer
Vorbereitung nicht rechtzeitig fertig wird, dann kommt schon manchmal ein grobes Wort. Das Schlimmste aber, was man tun kann, ist, den Patienten zu reizen, aufzuregen und anzutreiben. Besser ist, man drückt sich und sagt: „Komm, es geht weiter.“

 

Fühlen sie sich manchmal überfordert?
Weyrauch: Nein, eigentlich nicht. Wir haben uns damals versprochen: „In guten wie in schlechten Zeiten.“
Aber nicht jede Partnerschaft hält das aus, weil es eine mächtige Veränderung ist.

 

Scheitern viele Beziehungen an der Erkrankung?
Weyrauch: Es gibt schon Paare – besonders jüngere – wo sich der Angehörige des Patienten sagt: So habe ich mir mein Leben eigentlich nicht vorgestellt, mit allen diesen Einschränkungen und dieser
Verlangsamung. Vieles wird zurückgesteuert oder überbetont, auch das Verlangen nach Sex. So intime
Dinge werden in der Selbsthilfegruppe höchst selten oder nur unter vier Augen besprochen, jedoch vor
seinem Arzt sollte man das nicht verschweigen.

 

Bekommen Angehörige ihrer Meinung nach genug Unterstützung von außen oder kämpfen sie einen
einsamen Kampf?
Weyrauch: Viele Angehörige von Patienten gelangen öfter an ihre Leistungsgrenzen. Hier kann die von
meiner Frau vor zehn Jahren gegründete Selbsthilfegruppe erste Hilfe leisten. Es ist leider schwierig für
Angehörige, eine Reha oder eine Psychotherapie zu bekommen.

 

Wie ist der Blick auf die gemeinsame Zukunft mit ihrer Frau?
Weyrauch: Noch bin ich ganz zufrieden mit unserem Schicksal. Wenn es aber zur starken Behinderung
kommt, mache ich mir manchmal Gedanken, ob ich alles schaffe

 

Interview: Ildiko Röd