Parkinsongruppe
Potsdam
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Große Bewegungen, große Fortschritte

Der 60-jahrige Reinhold Losdau aus Furstenwalde (Oder-Spree) leidet an Parkinson, bekam vor gut zwei Jahren die Diagnose. Im Neurologischen Fachkrankenhaus fur Bewegungsstorungen/Parkinson in Beelitz-Heilstatten (Potsdam-Mittelmark) versucht er, wieder etwas besser in Form zu kommen.

Physiotherapeutin Juliane Rach (30) und ihr Patient Hans-Joerg Bunz (71) machen Big-Ubungen.

Beelitz-heilstätten. Laut zahlt Physiotherapeut Olaf Kaufhold bis zehn. Nach jeder Zahl folgt ein weiter Ausfallschritt nach vorn, wahrend er beide Arme vor seinem Oberkorper waagerecht ausstreckt und sie dann moglichst weit zu beiden Seiten offnet. Er halt kurz inne und nimmt wieder seine Ausgangsposition ein, beginnt bei der nachsten Zahl von vorn. Ihm gegenuber macht Reinhold Losdau die gleichen Bewegungen, nur sind sie bei ihm deutlich statischer.

Neben der klassischen Physiotherapie setzt Losdau seine Hoffnungen dieses Mal in die alternative Bewegungstherapie Big (von engl.: gros), die von amerikanischen Forschern entwickelt wurde. Chefarzt Georg Ebersbach und sein Team haben die Therapie in Deutschland etabliert. Grosraumige Bewegungen wie Ausfallschritte oder Korperdrehungen mit Armbewegungen stehen dabei im Mittelpunkt und sind speziell auf die Verbesserung der Bewegungsstorung bei Parkinson ausgerichtet. Therapiert wird uber vier Wochen an je vier Tagen fur jeweils eine Stunde. "Es ist eine Einzeltherapie, bei der der Therapeut alle Ubungen mit dem Patienten gemeinsam durchfuhrt", erklart Olaf Kaufhold. Dadurch sei der Patient eher bereit, die Anstrengung uber eine Stunde konstant aufrechtzuhalten.

Noch wahrend er das erklart, korrigiert er die Haltung von Reinhold Losdau. "Die Arme weiter hoch und noch ein Stuck weiter nach hinten", sagt er. Es funktioniert, der Patient schafft die Aufgabe. "Sehr gut", lobt Kaufhold. Bei den nachsten Versuchen klappt es schon deutlich besser, fur beide ist es ein Erfolgserlebnis ? und die Bestatigung, dass das Zusammenspiel von Bewegung, Motivation und standiger Ruckmeldung des Therapeuten wahrend der Therapie funktioniert.

Die langfristige Verbesserung der Bewegungsfahigkeit im Alltag ist das Ziel der Ubungen. "Wir haben eine eigene Studie dazu gemacht und gezeigt, dass Effekte der Therapie im Schnitt noch nach mehreren Monaten nachweisbar sind", sagt Chefarzt Georg Ebersbach. Je nach Ausgangslage, also dem Gesundheitszustand vor Beginn der Therapie, ist ihr Effekt mehr oder weniger dauerhaft. "Manche Patienten brauchen nach sechs Monaten eine Auffrischung, bei anderen halt es ein bis zwei Jahre." Weil die wenigsten Patienten vier Wochen am Stuck in der Klinik verbringen, muss die Therapie meist ambulant erfolgen oder fortgesetzt werden. Speziell ausgebildete Physio- und Ergotherapeuten durfen die Behandlung anbieten. Die gesetzlichen Krankenkassen zahlen die rund 800 Euro fur die vierwochige Behandlung in der Regel nicht. Dabei ist Big laut Georg Ebersbach wesentlich starker auf Parkinson-Patienten abgestimmt als klassische Krankengymnastik, die die Kassen zahlen. Die sehr hohe Intensitat sei der Schlussel zum Erfolg, sagt er. Vier Wochen lang ist der Patient mit moglichst grosem Einsatz und entsprechenden Anstrengungen bei der Sache. "Danach ist Schluss", so Ebersbach. Die Bewegungen, die in der Therapie unnaturlich gros waren, pendeln sich auf einem ? im Vergleich zu gesunden Menschen ? normalen Level ein. Die parkinsontypischen Trippelschritte sind erst mal aus dem Alltag verbannt.

Gleichwohl muss regelmasige Bewegung naturlich auch danach unbedingt zum Alltag eines Parkinson -Patienten gehoren. "Trotz Krankheit kann man fast alles machen, je fruher nach der Diagnose man damit anfangt, desto besser", sagt Olaf Kaufhold. Um Betroffene auch nach Physiotherapie oder Klinikaufenthalten weiter zu unterstutzen und Anregungen fur schnelle Ubungen im Alltag zu geben, hat die Klinik eine App fur Smartphones entwickelt. "Move-App" heist die kostenlose Anwendung, die es fur Telefone und Tablet-Computer kostenlos gibt und die mithilfe der Deutschen- Parkinson-Gala produziert wurde.

Informationen zu Krankheit und Medikamenten sind darin genauso aufbereitet wie Tipps, um etwa das flussige Sprechen zu uben. "Ein haufiges Problem von Parkinson-Patienten ist, dass sie reden wollen, den ersten Ton aber einfach nicht herausbekommen", erklart Kaufhold. Vielen Betroffenen hilft es, wahrend des Sprechens mit dem Finger den Rhythmus mitzuklopfen, weil so die Blockade gelost wird. Andere haben Probleme mit ihren Medikamenten. Auch dafur gibt es in der App Hilfe mit einer automatischen Erinnerung. Ein Tagesplan, auf dem alle Aktivitaten per Klick notiert werden konnen, kann laut Georg Ebersbach bei der richtigen Einstellung auf die Medikamente unterstutzen. "So etwas bedeutet sonst relativ viel Papierkram, die App erleichtert das erheblich."

Neben diesen Hilfsmitteln soll aber auch in der App die so wichtige Bewegung auf keinen Fall zu kurz kommen. Um das Ganze moglichst anschaulich zu gestalten, fuhrt Physiotherapeut Olaf Kaufhold digital Ubungen vor. Er schraubt Muttern von Schrauben herunter, trainiert mit dem Regenschirm die Beweglichkeit seines Oberkorpers oder balanciert barfus auf weichen Untergrunden. "In allen Videos gibt es genaue Anweisungen zu den Ubungen", betont Georg Ebersbach. Es handelt sich um Bewegungen, die auch unterwegs gut anwendbar sind. So konnen Parkinson-Patienten auch die Wartezeit an der Bushaltestelle sinnvoll nutzen. Schwierige Alltagssituationen, etwa das Brotchenholen, werden dank der App einfacher: Das rhythmische Sprechen hilft beim Bestellen, die ergotherapeutischen Ubungen unterstutzen bei der Kleingeldsuche.

Bedenken, dass die Patienten, die im Schnitt zwischen 55 und 70 Jahre alt sind, mit einer App wenig anfangen konnen, hat der Chefarzt nicht. "Wir haben immer mehr Patienten, die Smartphones und Tablet-Computer nutzen", sagt er. Und wer technisch nicht ganz so versiert ist, kann immer noch zu der im Herbst erscheinenden DVD greifen, die Ubungsvideos enthalt. Ihre Produktion wird auch mit dem Erlos der Parkinson-Gala unterstutzt.

Von Stephanie Philipp